Die Frage, die Menschen in dieser Situation tatsächlich stellen, lautet selten „Wie funktioniert Paartherapie?“. Sie lautet: Bringt das überhaupt etwas, oder ist es rausgeworfenes Geld und ein Abend, an dem alles noch einmal aufgemacht wird.
Die Antwort der Forschung ist ungewöhnlich klar in eine Richtung und ungewöhnlich zurückhaltend in einer anderen. Wirksam ja, im Durchschnitt und im Vergleich zu keiner Behandlung. Zuverlässig für jedes Paar nein.
Was die Wirksamkeitsforschung zeigt
Paartherapie gehört zu den besser untersuchten psychologischen Verfahren, weil sich Beziehungszufriedenheit vergleichsweise gut messen und über Jahre verfolgen lässt. Eine Übersichtsarbeit von Lebow, Chambers, Christensen und Johnson fasst die Forschung zur Behandlung von Beziehungsbelastung zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Verfahren wirksam sind; sie benennt zugleich die offenen Punkte, darunter, dass nicht alle Paare profitieren und Verbesserungen nicht in jedem Fall anhalten. 1
Eine neuere Meta-Analyse von Rathgeber und Kollegen untersuchte zwei der verbreitetsten Ansätze, die emotionsfokussierte und die verhaltenstherapeutische Paartherapie, und fand für beide bedeutsame Effekte auf die Beziehungszufriedenheit im Vergleich zu Kontrollbedingungen. 2
Das ist eine stärkere Aussage als das meiste andere auf dieser Seite, und zwar aus einem methodischen Grund: Hier geht es nicht um Beobachtungen, sondern um Studien, in denen zugeteilt und verglichen wurde. Zusammenhänge sagen nichts über Ursachen; kontrollierte Vergleiche schon eher.
Was fünf Jahre später aus den Paaren geworden war
Eine der bekanntesten Untersuchungen in diesem Feld verglich zwei Formen der Paartherapie bei chronisch stark belasteten Ehepaaren. Beide Formen führten zu deutlichen Verbesserungen der Beziehungszufriedenheit. 3
Interessanter als das Ergebnis am Ende der Behandlung ist, was danach passierte. Dieselben Paare wurden fünf Jahre nach Abschluss der Studie erneut befragt. Ein erheblicher Teil war weiterhin deutlich verbessert; ein anderer Teil hatte sich getrennt. 4
Paartherapie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es besser wird. Sie garantiert nicht, dass es zusammen weitergeht.
Diese Doppelaussage ist der ehrlichste Satz, den man über das Thema sagen kann. Wer eine Garantie sucht, wird enttäuscht. Wer eine bessere Ausgangslage sucht, findet sie in diesen Daten.
Wann der Zeitpunkt sinnvoll ist
Zum richtigen Zeitpunkt gibt es keine belastbare Forschungsantwort, und wer eine verspricht, geht über die Daten hinaus. Es gibt allerdings ein wiederkehrendes Muster in der Beschreibung der Paare, die in den Studien am stärksten belastet ankamen: Sie waren lange belastet, bevor sie kamen.
Drei Situationen sprechen aus praktischen Gründen dafür, sich Unterstützung zu holen, unabhängig davon, wie schlimm es sich anfühlt.
- Ihr führt dasselbe Gespräch seit Monaten und es endet immer an derselben Stelle. Nicht die Intensität ist das Signal, sondern die Wiederholung.
- Einer von euch hat aufgehört, es anzusprechen. Ruhe nach langem Fordern ist selten Frieden.
- Ihr redet über eine Trennung, ohne euch einig zu sein, ob ihr sie wollt. Diese Frage lässt sich zu zweit schwer sortieren, weil beide gleichzeitig Beteiligte und Berater wären.
Was Paartherapie nicht ist
Ein Teil der Enttäuschung entsteht durch Erwartungen, die die Sache nie erfüllen konnte.
- Kein Schiedsgericht. Es geht nicht darum, wer recht hat, und niemand wird das feststellen.
- Keine Rettungsmaßnahme in letzter Minute. Die Studien beschreiben Verläufe über Monate, nicht Wendepunkte in einer Sitzung.
- Keine Einzeltherapie zu zweit. Wenn bei einer Person eine behandlungsbedürftige Erkrankung im Vordergrund steht, ist das ein eigener Weg.
- Kein Verfahren für Beziehungen mit Gewalt, Bedrohung oder Kontrolle. Dort ist gemeinsame Gesprächsführung nicht der richtige Rahmen, sondern Sicherheit und eine spezialisierte Beratungsstelle.
Wenn eine Praxis nicht in Frage kommt
Es gibt Paare, für die eine Praxis aus nachvollziehbaren Gründen ausfällt: kein Platz in der Nähe, keine gemeinsame Zeit, oder eine Person, die nicht bereit ist, sich zu zweit vor eine dritte zu setzen. Dafür sind angeleitete Programme untersucht worden.
In einer randomisierten Studie zu einem internetbasierten Programm mit geringem Betreuungsanteil zeigten die teilnehmenden Paare bedeutsame Verbesserungen der Beziehungszufriedenheit im Vergleich zu einer Wartekontrollgruppe. 5
Das ist kein Ersatz für eine Behandlung bei hoher Belastung, und die Studie behauptet das auch nicht. Es ist ein Hinweis darauf, dass strukturierte Arbeit an einem Konflikt auch außerhalb eines Praxisraums etwas bewirken kann.
Wie die Versorgung in Deutschland geregelt ist
Hier wird häufig etwas durcheinandergebracht, und der Unterschied kostet Geld. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt Psychotherapie als Behandlung einer diagnostizierten psychischen Erkrankung bei einer versicherten Person. Anerkannt sind Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, analytische Psychotherapie und Systemische Therapie; bei der Systemischen Therapie nehmen Angehörige oder andere Bezugspersonen regelmäßig an den Sitzungen teil. 6
Paarberatung, bei der es um die Beziehung geht und nicht um die Behandlung einer diagnostizierten Erkrankung, fällt nicht darunter und wird in der Regel privat bezahlt. Daneben gibt es in Deutschland ein dichtes Netz kirchlicher und kommunaler Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen, die kostenlos oder nach Einkommen gestaffelt arbeiten. Sie sind der am häufigsten übersehene Zugang, weil sie nicht werben.
Was ihr vorher selbst klären könnt
Die erste Sitzung ist erfahrungsgemäß nützlicher, wenn beide dieselbe Frage mitbringen. Nicht dieselbe Antwort, dieselbe Frage.
Ein guter Ausgangspunkt ist eine gemeinsame Beschreibung des wiederkehrenden Musters, ohne Bewertung: Was passiert zuerst, was folgt darauf, wo endet es jedes Mal. Wer das vorher formuliert hat, verbringt die erste Stunde nicht damit, zwei getrennte Versionen zu erzählen. Unser Text über wiederkehrende Streits beschreibt, wie sich so ein Kreislauf aufschreiben lässt.