Es gibt in fast jedem Streit einen Moment, an dem beide wissen, dass es jetzt kippt. Der Ton wird härter, die Sätze kürzer, und irgendwo dazwischen fällt der eine Satz, um den es danach eine Woche lang geht. Fragt man Paare hinterher, sagen beide, sie hätten es kommen sehen.
Das ist die eigentlich interessante Auskunft. Nicht, dass Streit eskaliert, sondern dass Menschen es bemerken und trotzdem weitermachen. Der Grund dafür ist weniger mangelnder Wille als der Zustand, in dem sie sich in diesem Moment befinden.
Der Körper ist schneller als das Gespräch
Eskalation beginnt körperlich, bevor sie sprachlich wird. Der Puls steigt, die Aufmerksamkeit verengt sich, und die Auswahl möglicher Antworten schrumpft auf die zwei vertrautesten: angreifen oder rausgehen.
Levenson und Gottman haben körperliche Messwerte während Konfliktgesprächen erhoben und die Paare über drei Jahre verfolgt. Die körperliche Erregung während des Gesprächs hing mit der Veränderung der Beziehungszufriedenheit über diesen Zeitraum zusammen. 1
Wie immer bei solchen Daten ist das ein Zusammenhang und keine nachgewiesene Ursache. Er reicht aber für eine praktische Schlussfolgerung: Wenn ein Teil dessen, was im Streit passiert, körperlich ist, dann ist ein Argument dagegen das falsche Werkzeug.
Man kann sich aus einem erhöhten Puls nicht heraus diskutieren.
Was eine Pause leisten muss, um keine Flucht zu sein
Die naheliegende Konsequenz ist eine Unterbrechung. Das Problem daran ist, dass eine Unterbrechung von außen genauso aussieht wie Rückzug, und Rückzug ist die eine Hälfte des Kreislaufs, der wiederkehrende Streits am Leben hält.
Der Unterschied liegt nicht im Weggehen, sondern in dem, was dabei gesagt wird. Eine Pause, die funktioniert, hat drei Merkmale: Sie wird angekündigt, sie ist befristet, und sie enthält eine Zusage, zurückzukommen.
- Angekündigt: „Ich merke, ich bin zu aufgedreht, um jetzt zuzuhören.“
- Befristet: „Ich brauche zwanzig Minuten.“
- Mit Rückkehr: „Danach reden wir weiter, ich lasse das nicht so stehen.“
Ohne den dritten Teil ist es keine Pause. Ohne den zweiten wird die Wartezeit selbst zum Konflikt.
Reparaturversuche sind klein, oft ungeschickt und wirken trotzdem
Nicht jede Unterbrechung braucht einen Raumwechsel. Vieles davon passiert im Gespräch selbst: ein Eingeständnis, eine Frage, ein Satz, der die eigene Schärfe zurücknimmt. In der Konfliktforschung heißen solche Momente Reparaturversuche.
Sie klingen selten elegant. „Warte, das war unfair“ mitten im Satz ist ein Reparaturversuch. Ein schlechter Witz auch. Ihre Funktion ist nicht die Klärung, sondern das Absenken der Spannung, und dafür müssen sie nicht gut formuliert sein.
Der Bezug zur Forschung läuft über die Beobachtung, dass es weniger darauf ankommt, ob gestritten wird, als darauf, was daneben noch vorkommt. Gottman beschrieb stabile und instabile Paare über das Verhältnis positiver zu negativer Interaktionen im Konflikt. 2 In einer Beobachtungsstudie zu alltäglichen Interaktionen frisch verheirateter Paare hing zudem das Verhalten außerhalb des Streits mit positivem Affekt im Streit zusammen. 3
Das ist eine entlastende Nachricht für alle, die glauben, Deeskalation setze die richtige Formulierung voraus. Sie setzt vor allem voraus, dass überhaupt etwas anderes vorkommt als Angriff und Abwehr.
Ein Experiment, das erstaunlich wenig verlangt
Die meisten Befunde in diesem Feld sind Beobachtungen. Eine Ausnahme ist eine randomisierte Studie von Finkel und Kollegen, in der geprüft wurde, ob sich der Umgang mit Konflikten gezielt verändern lässt.
Die Aufgabe war klein: Dreimal im Jahr schrieben die Paare sieben Minuten lang über einen Konflikt aus der Perspektive einer neutralen dritten Person, die es gut mit beiden meint. Nicht wer recht hat, sondern wie ein Außenstehender die Sache sehen würde. In der Gruppe mit dieser Aufgabe blieb die Beziehungsqualität über den untersuchten Zeitraum stabiler als in der Kontrollgruppe. 4
Bemerkenswert daran ist weniger die Größe des Effekts als der Aufwand: Es ging um wenige Minuten pro Jahr, und es ging nicht darum, den Konflikt zu lösen, sondern ihn anders zu betrachten.
Herunterregulieren ist eine Fähigkeit, keine Charakterfrage
Wenn Erregung das Problem ist, dann ist ihre Regulierung der Ansatzpunkt. Bloch, Haase und Levenson untersuchten Paare über Jahre und fanden, dass die Fähigkeit von Frauen, negative Emotionen im Konfliktgespräch herunterzuregulieren, mit höherer Beziehungszufriedenheit zusammenhing. Als vermittelnder Weg zeigte sich konstruktivere Kommunikation. Für Männer fand sich dieser Zusammenhang in denselben Daten nicht. 5
Der geschlechtsbezogene Unterschied ist ein Befund in einer bestimmten Stichprobe und keine Regel darüber, wer wozu in der Lage ist. Was der Befund trägt, ist die allgemeinere Aussage: Wie stark jemand im Streit hochfährt, ist nicht festgelegt, und der Weg von der Regulierung zur Zufriedenheit führt über das, was danach gesagt wird.
Ein Ablauf für den nächsten Streit
Aus den Befunden lässt sich keine Anleitung ableiten, aber eine Reihenfolge, die zu ihnen passt. Sie hat vier Schritte, und der erste ist der wichtigste, weil er vor allen anderen kommt.
- Bemerken, bevor du formulierst. Der Einstieg ist körperlich: enger Brustkorb, das Gefühl von „jetzt wieder“, der Impuls, sofort zu erklären oder zu gehen.
- Unterbrechen, nicht gewinnen. Ein Satz, der die eigene Schärfe zurücknimmt, reicht. Er muss nicht elegant sein.
- Wenn das nicht reicht, Pause ankündigen: befristet und mit Zusage zur Rückkehr.
- Später zurückkommen, wenn beide wieder ruhig sind. Eine Pause ohne Rückkehr ist Rückzug, und Rückzug hält den Kreislauf am Laufen.
Und wenn ihr feststellt, dass die Eskalation jedes Mal an derselben Stelle beginnt, egal worüber ihr redet, dann geht es nicht mehr um Deeskalation, sondern um das Muster darunter. Wie sich ein solcher Kreislauf beschreiben lässt, steht in unserem Text über wiederkehrende Streits.