Kaum ein psychologischer Begriff hat es in den letzten Jahren so weit aus der Forschung heraus geschafft wie der Bindungsstil. Es gibt Tests dazu, Ratgeber, Podcastfolgen und sehr viele Grafiken mit vier Kästchen. Und es gibt den Moment, in dem jemand sagt: „Ich bin halt ängstlich gebunden.“ So, wie man sagt, man sei groß oder Linkshänder.
Der Begriff ist populär geworden, weil er etwas Echtes trifft. Menschen unterscheiden sich verlässlich darin, wie sie mit Nähe und Verlässlichkeit umgehen, und diese Unterschiede zeigen sich in Beziehungen. Populär geworden ist aber auch eine Version davon, die deutlich mehr behauptet, als die Forschung hergibt. Dieser Text trennt beides.
Woher der Begriff kommt
Die Bindungsforschung begann bei Kindern. Beobachtet wurde, wie kleine Kinder auf Trennung und Wiedersehen mit einer Bezugsperson reagieren, und dass sich diese Reaktionen zu erkennbaren Mustern ordnen lassen.
Der Schritt zu Erwachsenen kam später. Hazan und Shaver schlugen 1987 vor, romantische Liebe als Bindungsprozess zu verstehen, und legten Erwachsenen drei kurze Selbstbeschreibungen vor, die den Kindermustern nachgebildet waren. Die Verteilung der Antworten ähnelte der, die aus den Kinderstudien berichtet worden war. 1
Das war der Beginn eines ganzen Forschungsfeldes, und es lohnt sich, den Ausgangspunkt im Kopf zu behalten: Es ging um Selbstbeschreibungen von Erwachsenen, nicht um eine Diagnose und nicht um eine Messung dessen, was in der Kindheit passiert ist.
Die vier Typen sind die Vereinfachung von zwei Achsen
Die bekannten vier Kästchen gehen auf ein Modell von Bartholomew und Horowitz zurück. Sie beschrieben Bindung über zwei Grundhaltungen: wie positiv jemand das eigene Selbst in Beziehungen sieht und wie positiv die anderen. Aus der Kombination dieser beiden Achsen ergeben sich vier Felder, die üblicherweise sicher, anklammernd, distanziert und ängstlich-vermeidend genannt werden. 2
Entscheidend ist die Reihenfolge: Zuerst kommen die Achsen, dann die Kästchen. Die Typen sind nicht der Befund, sie sind eine Darstellungsform.
Diese Unterscheidung ist keine Wortklauberei. Fraley, Waller und Brennan haben die gängigen Fragebögen mit einem Verfahren analysiert, das prüft, ob sich Antworten besser durch abgegrenzte Gruppen oder durch fortlaufende Ausprägungen abbilden lassen. Das Ergebnis fiel klar zugunsten der fortlaufenden Ausprägungen aus. 3
Bindung ist ein Ort auf zwei Skalen, kein Fach, in dem man einsortiert ist.
Praktisch heißt das: Zwei Menschen im selben Kästchen können sich stark unterscheiden, und wer knapp neben einer Grenze liegt, landet je nach Test einmal hier und einmal dort. Ein Ergebnis, das sich beim zweiten Versuch ändert, ist deshalb kein Widerspruch. Es ist genau das, was man bei einer Skala erwartet, die in Kästchen gepresst wird.
Was der Zusammenhang mit Beziehungszufriedenheit trägt
Eine Meta-Analyse von Candel und Turliuc fasste Studien zu unsicherer Bindung und Beziehungszufriedenheit zusammen. Berichtet wurden Zusammenhänge sowohl mit der eigenen Zufriedenheit als auch mit der Zufriedenheit der Partnerin oder des Partners. Die Zusammenhänge waren durchgehend negativ und in ihrer Größe klein bis moderat. 4
Zwei Dinge sind daran wichtig. Erstens ist es ein Zusammenhang und keine nachgewiesene Ursache. Ob unsichere Bindung Unzufriedenheit erzeugt, ob eine unzufriedene Beziehung sich in unsichereren Antworten niederschlägt oder ob beides zusammenwirkt, lässt sich aus solchen Daten nicht entscheiden.
Zweitens sagt eine Größenordnung im kleinen bis moderaten Bereich etwas über die Reichweite der Vorhersage. Sie beschreibt einen Trend über viele Paare hinweg. Sie sagt nicht voraus, wie es einem bestimmten Paar geht, und schon gar nicht, ob eine Beziehung funktioniert.
Der Teil, der am häufigsten falsch erzählt wird
Die verbreitetste Erzählung lautet ungefähr so: Wie deine Eltern mit dir umgegangen sind, hat deinen Bindungsstil festgelegt, und den trägst du in jede Beziehung. Das ist die Stelle, an der die populäre Version am weitesten von der Forschung abweicht.
Eine Meta-Analyse zur Weitergabe von Bindung über Generationen fand einen Zusammenhang zwischen der Bindungsrepräsentation von Eltern und der Bindungsklassifikation ihrer Kinder. Sie fand zugleich, dass ein erheblicher Teil dieses Zusammenhangs unerklärt bleibt: Das erwartbare Bindeglied, nämlich beobachtbar feinfühliges Elternverhalten, erklärt die Verbindung nur teilweise. In der Forschung hat dieses offene Stück einen eigenen Namen, die Übertragungslücke. 5
Fraley und Roisman haben die Befundlage zur Entwicklung erwachsener Bindungsstile zusammengefasst und kommen zu einem nüchternen Bild: Es gibt Kontinuität, aber frühe Erfahrungen sagen den Bindungsstil im Erwachsenenalter nur schwach vorher. 6
Damit fällt die einfache Kausalkette weg. Was bleibt, ist unspektakulärer und brauchbarer: Bindungsstil beschreibt, wie jemand jetzt mit Nähe umgeht. Er ist keine Auskunft darüber, was früher passiert ist.
Bindungsstile sind veränderlich
In seiner Übersicht zur Bindung im Erwachsenenalter beschreibt Fraley Bindung als über die Zeit mäßig stabil und zugleich als beziehungsabhängig: Menschen berichten nicht in jeder Beziehung dieselbe Bindung, und Bindungsmuster verändern sich im Lauf des Lebens. 7
Das ist der praktisch relevanteste Befund des ganzen Feldes, und ausgerechnet er geht in den Vier-Kästchen-Grafiken unter. Ein Bindungsstil ist nichts, worauf man festgelegt ist.
Wie sich das Konzept trotzdem nützlich anwenden lässt
Der Nutzen von Bindungsstilen liegt nicht in der Einordnung, sondern in der Beschreibung. Sobald das Wort als Substantiv benutzt wird, endet das Gespräch: „Ich bin so.“ Sobald es als Beschreibung einer Situation benutzt wird, geht es weiter.
- Statt „Ich bin ängstlich gebunden“: „Wenn du zwei Stunden nicht antwortest, fange ich an, mir Geschichten zu erzählen.“
- Statt „Du bist vermeidend“: „Wenn wir mitten im Streit sind, brauchst du erst Abstand, bevor du reden kannst.“
- Statt „Wir passen nicht zusammen“: „Dein Bedürfnis nach Abstand und meines nach Klärung treffen im selben Moment aufeinander.“
Der Unterschied wirkt klein und ist es nicht. Eine Eigenschaft kann man nur akzeptieren. Eine Situation kann man verändern.
Genau hier trifft sich die Bindungsforschung mit dem, was in wiederkehrenden Streits passiert. Der bekannteste Kreislauf, das Fordern und der Rückzug, sieht von außen oft aus wie zwei Bindungsstile, die aufeinandertreffen. Beschrieben als Abfolge zwischen zwei Menschen wird er bearbeitbar. Beschrieben als Eigenschaft zweier Personen bleibt nur die Frage, wer sich ändern müsste.