Der Verlauf ist so verbreitet, dass er fast eine eigene Erzählform hat. Es fängt gut an, ungewöhnlich gut. Dann kommt ein Schritt, der nach mehr Verbindlichkeit aussieht: ein Schlüssel, ein Wochenende mit den Eltern, eine Frage nach dem nächsten Jahr. Und danach wird es kühler, ohne dass etwas passiert wäre, das man benennen könnte.
Das Wort, das die meisten Menschen an dieser Stelle suchen, ist Bindungsangst. Es beschreibt etwas Reales. Es ist nur kein Begriff aus der Forschung, und dieser Unterschied ist wichtiger, als er klingt.
Der Begriff kommt in der Fachliteratur nicht vor
In der Bindungsforschung gibt es keine Kategorie Bindungsangst, keinen Test dafür und keine Diagnose dieses Namens. Was es gibt, sind Ausprägungen, und zwar zwei.
- Bindungsvermeidung beschreibt, wie stark jemand Nähe und Abhängigkeit meidet und Selbstständigkeit vorzieht.
- Bindungsängstlichkeit beschreibt, wie stark jemand befürchtet, verlassen oder nicht genug gewollt zu werden.
Was umgangssprachlich Bindungsangst genannt wird, entspricht meist einer hohen Ausprägung auf der ersten Skala, der Vermeidung. Verwirrend ist dabei, dass ausgerechnet das Wort Angst im Fachgebrauch für die andere Skala steht.
Beide sind Skalen und keine Fächer. Eine Analyse gängiger Bindungsfragebögen, die geprüft hat, ob Antworten besser durch abgegrenzte Gruppen oder durch fortlaufende Ausprägungen abgebildet werden, fiel klar zugunsten der fortlaufenden Ausprägungen aus. 1 Es gibt also keinen Punkt, ab dem jemand „bindungsängstlich ist“.
Wie sich hohe Vermeidung tatsächlich zeigt
Der aussagekräftigste Teil dieser Forschung besteht nicht aus Fragebögen, sondern aus beobachtetem Verhalten. Simpson, Rholes und Nelligan untersuchten Paare in einer Situation, in der die Frau eine angstauslösende Prozedur erwartete, und filmten, was in der Wartezeit zwischen den beiden passierte.
Das Ergebnis war asymmetrisch und aufschlussreich. Stärker vermeidende Frauen suchten weniger Unterstützung, je stärker ihre eigene Anspannung war. Stärker vermeidende Männer gaben weniger Unterstützung, je sichtbarer die Anspannung ihrer Partnerin wurde. 2
Der Rückzug tritt nicht ein, obwohl es ernst wird. Er tritt ein, weil es ernst wird.
Das erklärt den Verlauf, den so viele Menschen beschreiben, besser als jede Erzählung über Angst vor Verpflichtung. Nähe erzeugt keinen Rückzug, weil sie unerwünscht wäre. Sie erzeugt ihn, weil sie Abhängigkeit sichtbar macht, und genau darauf ist die Vermeidung eine Reaktion.
Warum es sich wie Desinteresse anfühlt und keines sein muss
Von außen sind Rückzug bei Nähe und schlichtes Desinteresse kaum zu unterscheiden. Beide sehen aus wie Abstand. Beide fühlen sich an wie Ablehnung. Der Unterschied liegt im Zeitpunkt.
Desinteresse ist gleichmäßig. Es nimmt nicht in dem Moment zu, in dem etwas verbindlicher wird. Vermeidungsbedingter Rückzug ist an Auslöser gebunden und tritt regelmäßig nach Schritten in Richtung Nähe auf. Wer wissen will, welches von beidem vorliegt, achtet also nicht auf die Menge des Abstands, sondern darauf, wann er entsteht.
Die Zusammenhänge auf Gruppenebene sind dabei real und moderat: Eine Meta-Analyse fand negative Zusammenhänge zwischen unsicherer Bindung und Beziehungszufriedenheit, sowohl mit der eigenen als auch mit der der Partnerin oder des Partners, in kleiner bis moderater Größe. 3 Das ist ein Trend über viele Paare hinweg und keine Vorhersage für eine einzelne Beziehung.
Was das Wort in einem Gespräch anrichtet
Der praktische Schaden des Begriffs liegt darin, dass er ein Gespräch beendet, bevor es beginnt. „Du hast Bindungsangst“ ist eine Aussage über eine Person, und auf eine Aussage über die eigene Person gibt es nur zwei Antworten: zustimmen oder widersprechen. Meistens folgt Widerspruch, und danach geht es nicht mehr um die Beziehung, sondern um die Zuschreibung.
Eine Beschreibung der Situation lässt dagegen etwas offen, worüber sich reden lässt.
- Statt „Du hast Bindungsangst“: „Immer wenn wir etwas Verbindliches ausmachen, wirst du in den Tagen danach stiller. Das ist mir jetzt dreimal aufgefallen.“
- Statt „Du lässt mich nicht rein“: „Wenn es dir schlecht geht, ziehst du dich zurück, und ich weiß dann nicht, ob ich stören würde.“
- Statt „Willst du das überhaupt?“: „Was passiert bei dir, wenn wir über nächstes Jahr reden?“
Der Unterschied ist nicht Höflichkeit. Eine Eigenschaft kann man nur akzeptieren oder bestreiten. Ein Ablauf lässt sich gemeinsam anschauen.
Wenn du die Person bist, die wartet
Die meisten, die nach diesem Wort suchen, suchen es nicht für sich. Sie suchen es, weil sie neben jemandem stehen, der immer dann weiter weg ist, wenn es näher wird, und weil sie wissen wollen, ob sie bleiben sollen.
Darauf gibt die Forschung keine Antwort, und niemand sonst sollte sie geben. Was sie hergibt, sind zwei nüchterne Punkte. Erstens sind Bindungsmuster über die Zeit mäßig stabil und zugleich beziehungsabhängig; Menschen berichten nicht in jeder Beziehung dieselbe Bindung. 4 Ein Muster ist also veränderlich, aber nicht durch Zuwarten allein.
Zweitens ist Vermeidung eine Reaktion auf Nähe, und Reaktionen brauchen einen Auslöser. Wer den Abstand durch mehr Nähe zu schließen versucht, verstärkt in der Regel genau das, was er beenden will. Das ist derselbe Kreislauf, der wiederkehrenden Streits zugrunde liegt, nur ohne Lautstärke.
Wie die Bindungsforschung insgesamt einzuordnen ist, warum die vier bekannten Typen eine Vereinfachung sind und was der Zusammenhang mit der Kindheit tatsächlich trägt, steht in unserem Text über Bindungsstile.